Eingewöhnungsstress in einem kulturell fremden Umfeld/Kulturschock

Gespräch am 19. April 2016.

Was erleben Menschen, wenn sie in ein fremdes Land kommen und dort auf sich gestellt zurechtkommen müssen?

Sie erleben:
Verstörung: Ich finde mich nicht zurecht
Bindungsverlust: Mir fehlen vertraute Menschen – das ist gemildert, wenn man mit der Familie kommt
Selbstwirksamkeitsverlust: Mir gelingt wenig, ich erreiche nichts

Menschen haben im Laufe ihres Lebens ein intuitives Wissen über die Welt aufgebaut:
 Sprache, Gewohnheiten, Gebräuche, Alltagserwartungen, Gefühle, Bewertungen, die Einordnung von dem, was man erlebt;
all das wird von frühester Kindheit an gelernt. Wir nennen es Kultur. Es wird weitgehend automatisiert und ermöglicht uns, ohne viel Nachdenken in einer vertrauten Umwelt gut zurechtzukommen.

In einem neuen Umfeld funktioniert das nicht. Oft ist einem nicht klar, was anders ist. Man merkt aber, dass man sich unbehaglich und unsicher fühlt. Menschen reagieren nicht so, wie man es erwartet. Es geschehen Dinge, die man nicht einordnen kann. Weil so viel um einen herum neu ist, muss man ohne Pause unvertraute Informationen verarbeiten. Man ist ständig aufmerksam und wachsam, mit erhöhtem Adrenalinspiegel. Es gibt keine bekannten und vertrauten Räume, wo man sich erholen kann. Es entsteht mit der Zeit (also noch nicht am Anfang) eine Informationsüberlastung und Erschöpfung.

Folge: Müdigkeit, Abwehr und Ärger („das ist alles doof hier, die spinnen ja alle“)

Der Stress wird verstärkt durch eine Mangel an vertrauten Beziehungen:
Denn Bindungen an Familie, Nachbarn, Freunde verbessern die Stressbewältigung.

Der Stress wird verstärkt durch eine Mangel an Selbstwirksamkeit (Erleben, dass man selbst etwas bewirken kann):
Sprache – ich verstehe nicht und kann mich nicht verständlich machen
Regeln – ich mache Fehler
Erfolge – ich erreiche nicht das, was ich möchte

Zusammengefasst:

Leben in einem fremden Umfeld und in einer fremden Sprache ist extrem ermüdend.

Leben in einem fremden Umfeld bietet selten einen vertrauten Raum, in dem man sich 
völlig sicher fühlt und gut entspannen kann.

Auch ein vertrauensvolles Gespräch erfordert eine hohe Anstrengung, wegen der Sprachbarriere 
und wenig Möglichkeiten, an gemeinsame Erfahrungen anzuknüpfen.

Zwiespalt:
Ich habe Sehnsucht nach Ruhe – ich muss ganz viel tun, um zu lernen
Ich habe Sehnsucht nach Ruhe – ich mache mir Sorgen um meine Familie
Ich habe Sehnsucht nach Ruhe – ich muss viele Erlebnisse verarbeiten

Problem:
Das Bedürfnis nach Rückzug, in der eigenen Sprache zu leben, nach Entspannung,
wird als Vermeidung und Trägheit wahrgenommen

Lösung:
Wechsel zwischen Anstrengung und Rückzug/Erholung erlauben

Unterstützung:
Beziehungsangebote machen, in denen Unterschiede respektiert werden
Selbstwirksamkeit fördern, so dass Erfolgserlebnisse möglich sind
Tipps zum Umgang mit Stress – Balance zwischen Arbeit und Ruhe herstellen
Entwicklungsprozesse bewusst machen, Wissen weitergeben

Bei einem guten Wechsel zwischen Anstrengung und Erholung ergibt sich in einem fremden Umfeld diese (idealisierte) Lernkurve:

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In der Diskussion stand die Einsicht im Vordergrund, dass viel Geduld auf allen Seiten nötig ist. Andere Teilnehmer wiesen darauf hin, dass Leistungsanforderungen und Leistungsbereitschaft wichtig seien.

Das ist genau mein Anliegen: Nur unter Beachtung der geschilderten Stressauslöser und dem guten Wechsel zwischen Leistung und Ruhe können gute Leistungen erbracht werden. Zu viel Schonung (durch sich selbst und/oder andere) verhindert, dass man schrittweise Erfolge erleben kann und damit Selbstvertrauen und Leistungsbereitschaft aufbauen bzw. aufrechterhalten kann. Zuviel Druck (durch sich selbst und/oder andere) führt zu Erschöpfung und schlimmstenfalls zum depressiven Zusammenbruch und hat damit die gleichen negativen Folgen.

Paten können eventuell bei der bewussten Regulierung von Anstrengung und Ruhe unterstützen, indem sie zum aktiven Tun und(!) zum Ausruhen ermutigen. Wenn man sehr gestresst ist, gelingt einem selbst das nicht immer.

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