Familie

Gespräch am Dienstag, 17. Mai 2016.

Familie ist überall in der Welt der zentrale Ort, wo man sich zu Hause fühlt. Flüchtlinge finden dort Ruhe, wenn sie zusammen mit der Familie hierher kommen konnten. Sie vermissen sie sehr, wenn sie ohne Familie hier sind. Aber meinen und fühlen Flüchtlinge und deutsche Helfer das Gleiche, wenn sie von Familie sprechen? Was ist gleich, was ist unterschiedlich bei Familienvorstellungen? Welche Missverständnisse können entstehen?

Wie stellen wir uns eine Familie vor?

In Deutschland denkt man meistens an die Kernfamilie:
Vater, Mutter, Kinder

Und es gibt die  Verwandten: Großeltern, Onkel,  Tanten, Cousins und Cousinen – die dazu gehören, aber nicht so nahe sind wie die „Kernfamilie“.

Kleinfamilie und Verwandte

 

In anderen Weltgegenden wird Familie anders gesehen:
Alle Verwandten gehören eng zusammen.

Großfamilie

Familien sind also groß oder klein.

Die gefühlten Abstände zwischen Familienmitgliedern sind unterschiedlich groß.

Manchmal gibt es Grenzen zwischen den Geschlechtern.
Manchmal gibt es Grenzen zwischen den Generationen.
Manchmal gibt es Grenzen zwischen der Vater- und der Mutterfamilie.

Wichtig  ist auch:

Wie oft ist man mit wem zusammen in einem Haus, in einer Wohnung?
Ist Reden wichtig? Oder ist Zusammensein wichtig?
Wer redet mit wem wie oft und wie?
Wer vertraut sich wem an? (Können sich Jugendliche den Eltern anvertrauen, oder lieber Geschwistern, oder Cousins und Cousinen?)
Wer gibt wem Anweisungen?  Wer erzählt wem Geschichten?
….

Was bedeutet Familie?

Der Ort, in dem man die Regeln der Umwelt einübt
oder
der Ort, in dem andere Regeln als in der Umwelt gelten.

Der Ort, in dem man reden und streiten kann
oder
der Ort, in dem Zusammenhalt und Konsens wichtig ist.

Ist die Familie die einzige Gruppe und Umgebung, die zuverlässig Schutz bietet und in der man sicher versorgt ist, auch über die Kindheit hinaus?

Fragen dazu:
Was geschieht, wenn ein Familienmitglied aus der Familie ausscheidet?
Ist das existenzbedrohend für das ausscheidende Familienmitglied? Wohin kann man gehen?
Ist es existenzbedrohend für die Familie? Kann sie auf die Arbeitskraft der Person verzichten?
Aus den wirtschaftlich-existenzsichernden Folgen ergeben sich Folgen für Ansehen und Ehre.

Wie verändern sich die Antworten auf diese Fragen, wenn die Familie in einem sicheren Sozialstaat lebt? Gelten für Staatsbürger die gleichen Antworten wie für Asylbewerber?

In einem funktionierenden Sozialstaat kann man sich von seiner Familie trennen. Das ist emotional belastend, aber in der Regel nicht existenzbedrohend. In einem Land ohne Absicherungen außerhalb der Familie riskiert man damit möglicherweise seine Existenz. Die Bindung an die Familie hat also ein viel größere Bedeutung.

 

Veränderungen und Prozesse

Wie verändert sich die Familie, wenn die Kinder älter werden und heiraten?

Wie verändert sich Familie bei einem Ortswechsel und neuen Anforderungen?

Einige Gedanken dazu:

Patriarchale Strukturen entstehen oft im bäuerlichen Bereich, wo die Familie auf die Erfahrungen des Bauern in der Landwirtschaft angewiesen ist und auf die zuverlässige Anwesenheit von Arbeitskraft. Über die Generationen funktioniert das und automatisiert sich. Häufig ist den Beteiligten nicht bewusst, dass die patriarchale Struktur in anderer Umgebung ihre Funktion verliert.

Wenn manche Familienmitglieder schneller lernen als andere, verschiebt sich die tatsächliche Verantwortung. Das führt zu Belastungen und Spannungen.

Wenn die Anpassung an  die neue Umgebung sehr viel Stress verursacht, such man Schutz in vertrauter Umgebung.  Unbewusst sorgt man dann dafür, dass innerhalb der Familie möglichst alles beim Alten bleibt. Dadurch können alle Familienmitglieder in besonders starke Spannungen zwischen Anforderungen in der Familie und den Anforderungen der Umwelt geraten.

Schmerzhafte Prozesse lassen sich dabei nicht vermeiden. Migranten rechnen in der Regel nicht damit, dass sich Familienstrukturen in der Migration verändern werden. Die bewusst vorhandene Anpassungsbereitschaft bezieht sich eher auf Arbeit und Öffentlichkeit. Es ist daher sinnvoll,  Gespräche zu dem Thema zu ermöglichen, ohne die alten Muster zu verurteilen. Sinnvolle individuelle Lösungen weichen manchmal von den Erwartungen Einheimischer ab und sollten respektiert werden.

Nützlich:

Sich bewusst machen:
Wozu war das Alte nützlich (es also nicht abwerten, sondern würdigen)?
Was braucht die Familie jetzt in einer ganz neuen Welt mit anderen Anforderungen?
Was sollten wir also ändern?
Was können wir erhalten?
Womit kann man Verluste ausgleichen? (Wie bewahrt/erzeugt ein Vater sein Selbstwertgefühl, wenn er nicht mehr wie früher vollständig die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie übernehmen kann?)

 

Mein Vorschlag für Paten:
Wenn Sie Geflüchteten berichten, dass Familie hier in Deutschland anders funktioniert und dass  die Anforderungen anders sind – beschränken Sie sich nicht auf ein achselzuckendes „Ist So“, sondern würdigen Sie die riesige Anstrengung, die sich daraus für alle Beteiligten ergibt. Es entstehen Chancen, aber auch Verluste, dies auch für die Kinder und Frauen, die ja nicht nur Freiheit gewinnen, sondern auch Schutz verlieren.

Die Gewalt, die Frauen und Kindern/Jugendlichen in der Familie stellenweise droht, hängt nicht nur, aber auch mit der Verunsicherung der Väter zusammen. Daher brauchen auch die Männer/die Jungen Angebote, Selbstbewusstsein aufzubauen, damit sie nicht versuchen,  ihre Verunsicherung durch Dominanz über andere auszugleichen.

 

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